01.-06.9.13 Hamburg / Lütjensee

Gedanklich schon auf dem Weg zum sündigen Pflaster Hamburgs werden die immer noch auf dem Parkplatz „Mittelmole“ befindlichen Dölzschner vom Besitzer eines Busses – neben dem die Düsseldölle aussieht wie der kleine Bruder vom Smart – auf eine leckende Bremse hingewiesen. Zum Unmut der drei Hauptakteure handelt es sich dabei um ihre. Und so wird sich erneut mit einem etwas unguten Gefühl im Bauch, jedoch mit der Aussicht auf Hilfe (vermittelt durch die Berliner Buswerkstatt), auf den Weg gemacht. In weiser Voraussicht, dass es nachts in Hamburg sicherlich schwer wird, einen geeigneten Platz für die nächtliche Ruhe zu finden, begeben sich Die Dölzschner kurz vor den Toren der Stadt in ein Industriegebiet.

Industriegebiete sind der Freund des „Indoor“-Campers, jedenfalls wenn man bereit ist sich von morgendlichem Lastkraftverkehr nicht aus der Ruhe bzw. aus dem Bett bringen zu lassen. Viel ungenutzte Parkfläche bietet besonders nach Sonnenuntergang optimale Bedingungen um zum Stillstand zu kommen. Zwischen Fabriken, Bürogebäuden und Lagerhallen entdecken die von der langen Fahrt schon etwas geschafften Mercedes-Insassen ein Fahrzeug gleicher Bauweise. Wie es sich gehört grüßt man sich freundlich und kurz darauf stehen die zwei Busse hintereinander am Straßenrand. Aus dem Bruder der Düsseldölle steigt eine nur mit Hemd und Unterhose bekleidete Gestalt. Manche Menschen würden womöglich misstrauisch werden, wenn sie nachts in einem Industriegebiet unbehosten Personen begegnen, allerdings schwenkt diese hier drei Bier in der Hand und bietet somit vom Gesamtbild her überhaupt keinen Spielraum für Skepsis. Es stellt sich heraus, dass der halbbekleidete Horst heißt und Klomann ist. Er erzählt ausgiebig von seiner Tätigkeit und den teilweise beeindruckenden Trinkgeldern, die man als Toilettenaufseher auf Festivals zugesteckt bekommt. Auch die Probleme und Vorteile der jeweiligen Busmodelle kommen zur Sprache. Die Dölzschner nicken bedächtig, denn sie wissen genau wovon der Mann da spricht.

 

Der nächste Tag bringt Nieselregen (es soll nicht der letzte gewesen sein). Aber auch die Vorfreude auf Hamburg ist zu spüren. Schon kurz nach der Einfahrt in die Stadt bietet sich ein Bild regen Treibens. Das Alsterfest hat viele Neugierige angezogen, die sich entlang des Ufers zwischen Buden und Bühnen tummeln. Allerdings wird diesen vorerst keine Beachtung geschenkt, da die Suche nach einem Stellplatz und Frischwasser nach wie vor einen der oberen Plätze auf der Prioritätenliste einnimmt.

Nach mit nicht unwesentlichem Zeitaufwand verbundener Suche verschlägt es das grüne Gefährt mitsamt seinen Passagieren an den Hafen, der dem eher semi-fachkundigen Urteil der Anwesenden nach weitläufiger ist als es sich als eher semi-fachkundiger Anwesender beurteilen ließe. Mit anderen Worten: Kräne, Schiffe und Container soweit das Auge reicht.

Die Straße entlang des Hafens führt irgendwann in die Speicherstadt und wenige hundert Meter später zum Freihafen, wo zur Freude Aller die „Queen Mary 2“ aka „Die schwimmende Wand“ aka „Meine Fresse, is das n Gerät“ vor Anker liegt. Zur Steigerung des Seefahrerglücks gesellt sich der Fakt, dass direkt davor eine brachliegende, jedoch ebene Baulandschaft liegt die zwar von Zäunen umringt, aber nur auf einer Seite mit Parkverbotszeichen beschildert ist. Also stellen sich die Dölzschner auf die Andere.

Im Anschluss an ein kurzes Abendbrot beim Dönermann (der es im offiziellen Dölzschner-Döner-Rating [kurz: DDR] leider nur auf 2 von 10 möglichen Fladenbroten brachte) und mit einigen Flaschen Astra bestückt, wird ein kleiner Hafenrundgang gestartet, welcher einen Höhepunkt der bisherigen Tour bereithält: Das Auslaufen der Queen Mary 2. Nichts Böses ahnend sitzen die Neuankömmlinge am Kai als plötzlich ein Dröhnen in der Luft liegt, das man bis ins Mark spürt. Die QM2 bläst zur Abfahrt gen South Hampton. Es ist wie als verschöbe sich ein Stück des Hafen als sich der gigantische Koloss in Bewegung setzt und sich unter dem Jubel der Angehörigen und hunderter, an der Reling des Kreuzers stehender Passagiere durch die Fahrrinne schiebt. 

Der sanfte Riese gleitet wie ein schwimmendes Lichtermeer bedächtig an den faszinierten Menschen vorbei Richtung offene See. Noch euphorisiert von diesem Spektakel treten Die Dölzschner den Weg auf die Reeperbahn an, denn wer dort nicht war, hat Hamburg nicht gesehen. Ein Samstagabend auf der „Sündigsten Meile Deutschlands“ ist wie ein Ritt auf dem Regenbogen ... nur etwas verruchter:

Blinkende Lichter und eine immense Ansammlung Partyfreudiger verleihen dem tagsüber vergleichsweise ruhigen Straßenabschnitt ein bisschen Las Vegas Flair. Überall wird zum Essen, Trinken und Tanzen eingeladen ... oder zum betanzt werden. Sogar die Gasse, durch die man nur durch das Umgehen einiger Sichtbarrikaden gelangt, wird in Augenschein genommen. Allerdings bleibt das Gewissen der Dölzschner rein, denn für derlei Vergnügungen haben weder die Weltentdecker, geschweige denn die Bandkasse etwas übrig. „Aber guck'n darf man ja ma“.

 

Der morgendliche Blick aus dem Busfenster offenbart, dass der Stellplatz der QM2 nicht lange ungenutzt geblieben ist. Dort steht jetzt ein, in seinen Ausmaßen nicht ganz so ausuferndes, jedoch nicht minder bekanntes Schiff, die AIDA. Trotz der vielen schönen Nebensächlichkeiten darf man das Geschäftliche nicht vergessen. Ein Ort zum Spielen muss her! Auf zu den Landungsbrücken! Die Landungsbrücken sind der Ort, an dem die meisten Touristen eins der zahlreichen Boote besteigen, das sie quer durch den Hafen schippert, während der Captain per Mikrofon die wichtigsten Details zur Umgebung kund tut. Die Szenerie wirkt einladend und so kredenzen Die Dölzschner ihr Repertoire diesmal nicht mit Wasser von oben sondern nunmehr zu ihren Füßen. Und da auch in Hamburg der Bezug zur Heimat nicht außer Acht gelassen wird, statten sie kurz darauf der Ex-Gitarristin Mai von Ludis (ebenfalls Ex-) Band „Linkisch“, einen Besuch ab, welcher die Möglichkeit zum kreativen Austausch, als auch zum Erfüllen einiger sekundärer Bedürfnisse, wie z.B. duschen, bietet. Darüber hinaus wird aufgrund der erstaunlichen zeichnerischen Fähigkeiten von Mai ein Cover für die zukünftige Platte bestellt. 

 

Das Wetter am Tag darauf zeigt leider allen Straßenmusikern den ausgestreckten Mittelfinger, was allerdings kaum ins Gewicht fällt, da der zuvor erwähnte Flüssigkeitsverlust im Umkreis der Bremse zur Begutachtung ins ca. 30km entfernte Lütjensee gebracht werden soll. Und so finden sich Die Dölzschner vor einer Scheune irgendwo im idyllischen Hamburger Umland wieder, wo sie von „Osti“, einem in Bezug auf Busse glücklicherweise von mehr Fachkenntnis geprägten Zeitgenossen, in Empfang genommen werden. Die Problemstelle ist zwar recht schnell lokalisiert (defekter Dichtring des Hinterachsdifferenzialgetriebes), die Wartezeit auf das neubestellte Ersatzteil zwingt jedoch zum Stillstand. Der restliche Tag bietet denkbar wenig Beschäftigungspotenzial. Angesichts der Tatsache, dass die Düsseldölle mittlerweile nur noch auf vier Rädern (ja, das sind zwei zu wenig) steht, sind die Möglichkeiten der Mobilität, als auch der sozialen Interaktion auf den anliegenden Hof beschränkt. Also beschließt man, sich zu Fuß Fortzubewegen und dem benachbarten Dorf einen Besuch abzustatten.

Vor dem Grönwohlder Supermarkt angekommen, stellen Die Dölzschner fest, dass ein Fußmarsch von ungefähr 4 Kilometer gefühlt viel länger ist, wenn man sich auf einem schmalen Weg durch die meteorologisch benachteiligte Hamburger Prärie schlagen muss. Wenigstens weist der Supermarkt ein akzeptables Sortiment an lokalen und interlokalen Fressalien auf, welches im Verhältnis zur Größe des Ortes nicht zu verachten ist, weshalb man auch kurze Zeit später mit Chips, Bier und einigen weniger wichtigen Konsumgütern wie z.B. Brot, Wurst und Käse den "Heimweg" antritt.

Das schlechte Wetter reißt auch noch nicht ab als "Osti" schon wieder unter der Hinterachse liegt, Ludi mit Fokus auf die Kniffe der Reparatur daneben steht, Justus sich vom Erleichtern im Wald zurück begibt und Simon zum ersten Mal die Augen öffnet. Trotz des Eifers, der (die Reparatur betreffend) an den Tag gelegt wird, schaffen es Die Dölzschner erst mit wesentlicher Verspätung den Rückweg in die Kiezmetropole anzutreten. Dort wartet seit einiger Zeit Claus Siefert, dem Die Dölzschner ihr froschgrünes Mobil verdanken und eigentlich einen Eindruck ihres Schaffens vermitteln wollen. Mit einer Verspätung (auch bedingt durch diverse Umleitungen im Hamburger Raum), die das akademische Viertel um das ungefähr Zwölffache überschreitet, rollen die drei Fragezeichen am vereinbarten Treffpunkt ein. Onkel Claus hat sich nach dreistündiger Wartezeit am Hamburger Hafen (verständlicherweise) wieder auf den Weg in seine Heimatstadt Hannover begeben, wobei er jedoch nicht vergaß, ein Care-Paket bestehend aus Hannoverwaffeln und Diesel (ausreichend für 100 Km und abgefüllt in der Düsseldölle zeitgemäßen Kanistern) zu hinterlassen. An dieser Stelle eine ausdrückliche Entschuldigung an Claus für das inakzeptable Zeitmanagement und herzlichen Dank für jeden Tropfen, den die Kanister mitsamt Einfüllstutzen für den durstigen Tank bereithielten!

Trotz der leise vor sich her schwingenden Frustration über das verpasste Treffen stehen Die Dölzschner einige Zeit später wieder mit komplettem Instrumentarium auf den Landungsbrücken und zu fortgeschrittener Stunde (ohne Instrumente) auf der, mittlerweile eher spärlich besuchten Reeperbahn. Diese büßt an Wochentagen einen enormen Teil ihres Glanzes ein, denn die blinkenden Lichter wirken ohne die entsprechenden Menschenmassen eher wie ein verlassener Rummelplatz. Doch Die Dölzschner wissen sich aufgrund der mittlerweile aufgebauten Erfahrung auch ohne äußere Einflüsse bei Laune zu halten.

 

Das Ziel der nächsten Tage verspricht zum ersten Mal eine gute Brise internationaler Luft, angereichert mit … irgendetwas Würzigem … Doch vorerst werden noch die nicht mehr zu übersehenden Wäschebeutel in die Reinigung und die Kiezgegerbten Körper ins St. Pauli Schwimmbad getragen.

Frisch geduscht. Klamotten sauber. Auf nach Amsterdam!

Die Dölzschner sind drei Musiker aus Dresden-Dölzschen, die seit dem Jahr 2011 miteinander musizieren. Die Basis der selbst geschriebenen Musik (HT-Phon-Sound) ist das HT-Phon – ein von Ludi selbstgebautes Instrument aus Abflussrohren.

Das neue Album „Volles Rohr“ (© 2014) ist jetzt erhältlich!