8.-12.9.13 Amsterdam / Weesp

Die Niederländische Grenze ist überquert, die Sonne hat sich schon lange hinter den Horizont verkrochen und irgendwo vor Amsterdam muss noch ein Schlafplatz gefunden werden. Die grobe Richtung ist zwar klar und die Möglichkeiten zahlreich, jedoch wirken die kleineren Orte im Umkreis mit ihren teils horrenden Preisen für Parkplätze eher ungeeignet.

Nach kräfte- und dieselzehrendem Ausschauhalten schlagen Die Dölzschner erneut in einem Industriegebiet nahe eines für die drei Reisenden bislang unbekannten Ortes auf und läuten neben einem, zu dieser Tageszeit kaum befahrenen Kanal, die Nachtruhe ein.

Noch bevor Ludi nach der überstandenen nächtlichen Irrfahrt in sein morgendliches Brötchen beißen kann, treibt ihn ein offensichtlich erneut aufgetretener Flüssigkeitsverlust des Busses zur Unterbodeninspektion. Während Justus und Simon weiterhin ihrem Frühstück, sowie dem einen oder anderen durchaus bewusst herbeigeführten Flüssigkeitsverlust nachgehen, trifft der Inhaber des auf der gegenüberliegenden Seite der Düsseldöllner Parkbucht befindlichen Filmautohandels mit seinem Hund ein.

Im Vorfeld ihres Hollandbesuchs wurde den Dölzschnern oft gesagt, dass die Niederländer ein sehr nettes, entspanntes und hilfsbereites Völkchen seien. Sie hatten alle Recht! Edwin versorgt sie nicht nur mit gut gemeinten Ratschlägen und Tipps, er gibt auch eine direkte Wegbeschreibung zum nächsten Teilehändler und stellt Strom, Wasser und seinen Internetzugang zur Verfügung.

Der Samstag ist leider nicht mehr taufrisch, weswegen sich in der Abendplanung zwei Optionen herauskristallisieren: 1. Ein strammer Fußmarsch zum 3km entfernten Teilehändler oder 2. Eine Zugfahrt in die benachbarte Metropole Amsterdam. Da die Entscheidung in diesem Fall zwischen praktischem Nutzen und finanziell aufwendigem Vergnügen gefällt werden muss, dauert die Abwägung der Pro- und Kontra-Argumente nicht lange.

Kurze Zeit später kommen Die Dölzschner am Amsterdamer Zentralbahnhof an. Sie fühlen sich mit der Kamera im Anschlag sofort wie Touristen in einer Großstadt, was auch daran liegt, dass sie das trotz fahrbarem Wohnraum in gewisser Weise sind und werden von der Masse der Menschen, die an einem Samstagabend durch die Straßen wandeln und dem ganz speziellen Flair der Stadt in den Bann gezogen. Leider sind auch die Preise für sämtliche erwerbbare Produkte bzw. Dienstleistungen - ob Kneipenbesuch, Souvenirs oder Parkscheine - der Anzahl der Touristen entsprechend hoch. Deshalb begibt man sich nach einem ausführlichen Stadtrundgang, jedoch ohne ausufernde nächtliche Betätigung innerhalb der Stadt zurück nach ... Ja wohin eigentlich? Der Dresdner Wanderzirkus ist kurz ratlos, denn sie wissen immer noch nicht, in welchem Ort sie ihre Düsseldölle eigentlich geparkt haben. Ein fast sichtbarer Geistesblitz durchzuckt Justus als er mit feierlicher Mine die Fahrkarte von der Hinfahrt aus der Tasche zieht, auf welcher sich, durch den Fahrkartenautomaten unwiderruflich eingedruckt die Abfahrtshaltestelle findet. Nach „Weesp“ soll es also gehen. Eine kurze Unterhaltung mit dem Amsterdam Centraal'ner Servicepersonal gibt Auskunft über die Rückfahrtmöglichkeiten und da diese zahlreich sind, ist es den Dölzschnern ein Leichtes, sich nach diesem eindrucksreichen Tag wieder wohl behütet ins Obdach ihres Busses zu begeben.

Der darauffolgende Tag bietet seichten Grund zum Optimismus. Dank des funktionierenden WLANs ist die Diagnose schnell gestellt. Ein neuer Kupplungsnehmerzylinder muss her! Leider ist Sonntag. Da haben die Geschäfte zu und daran kann nicht einmal Edwin etwas ändern. Das weitaus größere Problem stellt allerdings die fehlende Transportmöglichkeit der Instrumente dar. Anfangs gehen die Döllis davon aus, sie könnten jene mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Hauptstadt transportieren, bis sie sich erinnern, dass an den Bahnhofseingängen Barrieren errichtet sind, um das Befördern von den in Holland wie nirgendwo sonst vorhandenen Massen an Drahteseln zu vermeiden.

Der anliegende Ort ist zwar zu Fuß gut erreichbar, doch es stellt sich bei einem ausgiebigen Spaziergang heraus, dass das Publikum und das damit verbundene Einnahmepotenzial recht begrenzt sind. Immerhin findet sich ein herrenloser 5-Euro-Schein am Rande der Straße, der durch sein possierliches Auftreten das Mitleid der Dölzschner erregt, sodass sie ihm einen Platz im Band-Portemonnaie einräumen.

Wieder am grün schimmernden Wohnmobil gelandet, radelt ein mit beachtlichem Kopfhaar versehener und allerlei Gepäck bestückter, junger Mann auf dem Parkplatz ein. Er stellt sich als „Josh“ vor und kommt aus Brasilien. Josh ist zu Besuch bei einem Kumpel in Weesp und man unterhält sich über Arbeit, Freizeit und natürlich Musik (Josh hat gerade mit einem Freund als „Bode Preto“ ein oldschool Death/Black-Metal-Album produziert). Trotz der durchaus düsteren Aura, die diese Musikrichtung umgibt ist Josh ein überaus freundlicher und höflicher Zeitgenosse. Ein ebenso erfreulicher Besuch taucht wenig später mit seinem Hund auf: Edwin stellt abermals alles bereit, was der Bus und dessen Herrchen brauchen.

Mitten in der Nacht (gegen 08.30 Uhr) dringt ein Wecker an der Dölzschner unbescholtenes Ohr, welcher schon aufgrund seiner Klangintensität keine Ignoranz duldet. „Booaaahrr..kamma jemand die Scheiße abstelln ... bitte?“ Die Scheiße wird abgestellt. Mit vom Schlaf zerfurchter Visage folgt Mitglied Krieger dem, zumindest optisch etwas fitteren Ludi, auf das karge Pflaster des Weesper Industriegeländes. Anfangs noch mit schleppendem Schritt machen sie sich auf zum nächstgelegenen Teilehändler, um dort einen neuen „nejderen Koppelingszylinder“ zu erwerben. Nach einem, für diese Tageszeit viel zu umfangreichen Fußmarsch ist das Industriegebiet erreicht. Obwohl sie von Edwin eine recht genaue Wegbeschreibung bekommen haben findet sich der Händler erst, nachdem einige Querstraßen vor und zurück gelaufen wurden. Immerhin ist das anwesende Personal genauso kompetent wie Edwin es beschrieb und so ist auch schnell das passende Teil ausfindig gemacht. Dieses ist jedoch nicht auf Lager, weshalb man die 2/3 Dölzschner bittet am Nachmittag erneut vorbeizuschauen.

Wieder an der Düsseldölle angelangt komplettieren sich Die Dölzschner wieder in Bezug auf die Mitgliederanzahl und beschließen die Zeit bis zum Eintreffen des benötigten Ersatzteils mit einem Lebensmittel-Einkauf und der Suche nach einer Möglichkeit zur Reinigung ihrer Gliedmaßen zu überbrücken. Ein Supermarkt ist in Weesp schnell gefunden, aber die Schwimmbaddichte lässt noch zu wünschen übrig. Nach dem Frühstück wird ein weiterer Versuch unternommen. Auf die Frage nach einem Schwimmbad setzt eine Weesper Passantin allerdings eine skeptische Mine auf und erklärt, dass es keine in der Nähe gelegene Badeanstalt gäbe. Sie verweist allerdings auf einen See, der zu Fuß gut zu erreichen wäre und fertigt freundlicherweise gleich eine Skizze des Weges an.

Nach dem mittlerweile zweiten Gewaltmarsch dieses Tages fragen sich Die Dölzschner, ob sie denn noch auf dem richtigen Weg sind. Ein älterer Herr schickt sie auf einen Weg entlang einer Kuhweide. Zur Sicherheit fragt man kurz darauf einen jungen Radfahrer, ob die eingeschlagene Route denn die richtige wäre. Er verneint und deutet in die entgegengesetzte Richtung. Die Dölzschner geben auf. Zwar muss der See irgendwo in der Nähe sein aber die Öffnungszeit des Weesper Teilehändlers zwingt sie, den Rückweg anzutreten. Nach der Rückkehr zum Bus und erneut zurückgelegter Distanz zum nächsten Industriegelände und retour steckt den Dölzschnern der Tag ganz schön in den Beinen. Wenigstens kann das kaputte Teil ersetzt werden.

Zur Freude aller Beteiligten schaut auch Josh nochmal bei den Dölzschner Jungs vorbei und eröffnet ihnen die Möglichkeit einer warmen Dusche bei seinem Kumpel. Da lässt man sich nicht lange bitten. Geduscht und gestriegelt sitzt man des Abends in der geräumigen Wohnung von Josh's Kumpel, unterhält sich wieder über Musik und gönnt sich vereinzelte Hopfenkaltschalen. Irgendwann zieht es die drei frisch gewaschenen jedoch weg von der Couch und zur Testfahrt mit dem neu verbauten Kupplungszylinder ihrer Düsseldölle. Der Weg führt nach Bussum, einem ebenso kleinen aber feinen Ort wie Weesp, und zurück zum Parkplatz, wo Edwin noch in seiner Werkstatt zu schaffen hat. Er bittet die gerade wiedergekehrten herein und eröffnet ihnen sein Reich. Eine enorme Sammlung alter und neuerer Autos beherbergt der freundliche Holländer in seiner Garage. Autos von Film- und Popstars, Stuntcars und alte Motorräder versetzen die drei Anwesenden Gäste in Staunen. Edwin erzählt noch bis in die Nacht von der Arbeit, Familie und seinen früheren Touren mit alten Bussen. Die Dölzschner lauschen gespannt.

 

Das grüne Gefährt ist wieder fahrtüchtig, sodass man sich am nächsten Tag erneut nach Amsterdam aufmacht. Diesmal allerdings mit den eigenen sechs Rädern unter dem Gesäß. Der Faktor Wetter zeigt sich wie an den Tagen zuvor leider von einer sehr unschönen Seite. Es muss ein trockener Ort zum Spielen gefunden werden, was sich in der Großstadt mit ihren überlaufenen Straßen als schwierig erweist. Letztendlich stellen Die Dölzschner ihren Bus nach erfolgloser Suche an einem Kanal in der Amsterdamer Innenstadt ab und machen sich zu Fuß auf den Weg in ein Kneipenviertel, in der Hoffnung vielleicht dort auf eine Lokalität zu stoßen, die an einem abendlichen Liveauftritt interessiert ist. Es gibt einige Zusagen, welche sich allerdings kurz darauf als zu früh getroffen oder wenig lohnenswert herausstellen. Der Abend findet seinen Ausklang somit im gut beregneten Bus. Zu allem Überfluss wird anhand von wachsenden dunklen Flecken auf dem mittlerweile grauen (ursprünglich beige-gelben) Teppich festgestellt, dass die extra für die Tour sorgfältig abgedichteten Dachluken nicht die erhoffte Dichte aufweisen.

Der Stellplatz in der Amsterdamer City stellt sich am Tag darauf ebenfalls als ungünstig heraus, da der am Tag zuvor unbeachtet gelassene Parkscheinautomat für ein Tagesticket 30€ haben möchte. Parksummen in dieser Höhe sind im Bandbudget nicht vorgesehen. Also verlassen Die Dölzschner die Stadt in der Hoffnung, dass es – wenn es schon keine Parkscheine gibt, die man sich unter die Windschutzscheibe legt [An den Parkscheinautomaten wird lediglich das Kennzeichen angegeben] – starkregenfeste Bußgeldbescheide (von denen keiner gesichtet wurde) und keine Rechnung per Post gibt. – Und das, ohne ein einziges mal gespielt zu haben.

Die Dölzschner sind drei Musiker aus Dresden-Dölzschen, die seit dem Jahr 2011 miteinander musizieren. Die Basis der selbst geschriebenen Musik (HT-Phon-Sound) ist das HT-Phon – ein von Ludi selbstgebautes Instrument aus Abflussrohren.

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