Marseille 13.-18.11.2013

Marseille kennen Die Dölzschner bislang entweder gar nicht oder nur virtuell.

"War das nich ´n Level bei Tony Hawks Pro Skater 2?"

Ja, war es. Wem der Titel dieses Spiels nichts sagt, der sei unbesorgt, denn das ist nicht von Relevanz. Klar ist allerdings, dass sowohl das Wetter, als auch die allgemeine Stimmung zum Spielen ermuntern. Es bleibt also keine Zeit sich die Stadt in Ruhe zu Gemüte zu führen, Geld muss her!

Am Hafen, gleich neben der Uferfestung wird die DüDö angebunden und Blas-, Saiten-, und Schlaginstrumente auf die Promenade gezerrt. Positiv anzumerken ist hierbei, dass die Leute sich nicht wie bei den anderen Promenadenauftritten plötzlich verziehen, dematerialisieren oder spontan selbst entzünden, sondern auch nach dem Aufbau interessiert stehen bleiben und mit sichtlicher Vorfreude das anstehende Konzert erwarten. Es erklingen Klassiker wie "Wellengang", "Slidy Gliss Jizz" und "Western Style". Den Marseillanern ist in diesem Augenblick natürlich noch nicht klar, dass es sich dabei um Klassiker handelt, da vermutlich keiner von ihnen jemals zuvor eins dieser Stücke vernommen hat, aber auch die vermeintliche Uranhörung endet mit einem breiten Lächeln und einer ordentlichen Portion Applaus. Weitere Blöcke schließen sich an und der erste Eindruck von Marseille ist ein durchaus positiver.

Wie zum Ende eines jeden Arbeitstages steht auch nach dem musikalischen Hafenbesuch die erneute Befüllung der DüDö mit den vorher entnommenen Musikalartikeln und die Suche nach einem Ort, der genug Ruhe bietet um sich von den "Strapazen" zu erholen an. Auf der Stadtkarte, die ein junger Student aus Großbritannien den Döllis vermacht hat, wird nach weniger dicht besiedelten Gebieten Ausschau gehalten und der direkte Weg dorthin angetreten. Von "weniger dicht besiedelt" kann spätestens nach einer ausdauernden Fahrt durch die viel zu engen Straßen des gewählten Viertels keine Rede mehr sein. Immer näher kommen die Häuserfassaden den Außenwänden des Dölzschner Gefährts, bis dieses nach einiger Berg- und Talfahrt am Ende einer steil abfallenden Gasse zum Stehen gebracht wird, da die Breite selbiger dem Schwenkradius der DüDö nicht mehr gewachsen ist und somit den Abbiegevorgang auf das Pflaster der nächsten befahrbaren Schneise verhindert. Was nun...? An ein Umkehrmanöver ist nicht zu denken und die eingehende Betrachtung der abzweigenden Straße ergibt, dass die Düsseldölle unter keinen Umständen auf dem normalen Weg weiter gebracht werden kann, ohne der Hausecke ihren schönen Lack zu opfern. Mittlerweile haben sich einige hilfsbereite Franzosen um den schweigenden Mercedes versammelt und beraten eifrig über einzuleitende Maßnahmen. Bald ist allen klar, dass es nur einen Weg aus der Misere gibt: Im Rückwärtsgang den Berg hoch und die DüDö retour schicken.

Für einen (fast) 40 Jahre alten Bus, den schon Bodenerhebungen in normaler Richtung (also mit der Schnauze zuerst) zum Schnaufen bringen ist die Bewältigung eines Anstiegs mit dem Heck voraus selbstredend keine große Freude und gerne hätten Die Dölzschner ihrem traurig drein-blickenden Mobil solch eine Anstrengung erspart, aber es gibt keine Alternativen. Schweren Herzens klemmt sich Mitglied Stephan hinters Steuer und legt den Rückwärtsgang ein. Ächzend und stöhnend schiebt sich die Düsseldölle den Abhang hinauf und ein unheilschwangeres Gemisch aus kochender Batterie und frisch geschmirgelter Kupplung erfüllen die Luft in der Fahrerkabine.

"Wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe" – Wilhelm Busch

Tapfer kämpft die DüDö um jeden Zentimeter und als es endlich geschafft ist sind alle stolz und erleichtert. Dem Labyrinth aus schmalspuriger Infrastruktur wird der Rücken gekehrt und ein gemütlicherer Platz zum Verweilen ist ebenfalls bald gefunden, sodass für den Folgetag erstmal Sightseeing angedacht wird.

Das Wichtige am Sightseeing ist ja, dass man zu einer Zeit aufbricht, zu der man die Sights noch sieht. Die meisten Sights (engl.: Sehenwürdigkeit) verändern aufgrund ihrer Größe ihren Standort nur selten und sind somit sowohl tagsüber als auch nachts präsent. Der knifflige Teil ist das Seeing (engl.: Sehen, Anguggen, Rumglotzen), welches Licht erfordert, das von den zu beschauenden Objekten reflektiert wird und auf dem Rückweg seinen Weg zum Auge findet, wo es nach relativ kurzer Bearbeitungszeit (nicht zu Vergleichen mit z.B. Formularen, die bei Ämtern eingereicht werden) als Bild im Kopf des Betrachters erscheint. Das ist einfache Physik. Nun sind die Döllis nicht gerade dafür bekannt, bei Tagesanbruch aus den Federn zu springen und im Schein der ersten Sonnenstrahlen, in Lendenschurz ihr Frühstück zu jagen. Der ganze Aufstehvorgang an sich ist ein Prozess, der überhaupt erst eingeleitet wird, wenn ein willkürlich festgelegter Zeitpunkt erreicht ist, an dem die Trennung von Kopf und Kopfkissen in Betracht gezogen wird. Manchmal hilft ein Wecker dabei, diesen Zeitpunkt nicht als unbestimmten Faktor im Raum stehen zu lassen. Kurzum, die drei Langschläfer erreichen in der Abenddämmerung den Ausgangspunkt ihrer Stadtbesichtigung.

„ So ... was gibt'sn hier zu sehen?“

„Hier is ne ... öhmm ... ne Festungsmauer, die bestimmt mal Bestandteil der ... ähmm ... Festung hier ... war.“

„ ... ja ...“

„Da gehmer jetze ma hoch!“

„... ja ...“

Von ihrem erhöhten Standpunkt aus blicken die Dölzschner auf Marseille und betrachten eingehend den Hafen, die Wohnblöcke und die Kirche „Notre Dame“ (nicht die berühmte in Paris, aber auch recht hübsch). Der Weg führt sie entlang verschiedener Museen, bis hin zu einer weiteren Kirche, die teils von außen, teils von innen, besichtigt wird. Dann sieht's auch schon wieder finster aus. Lidl hat aber noch auf, deshalb kehrt man nochmal kurz beim Discounter ein und erwirbt auf dem Weg zum nächsten Schlafplatz einige Lebensmittel und das allerseits beliebte Brettspiel „Ludo“, im deutschsprachigen Raum besser bekannt als „Mensch, ärgere dich nicht!“. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn direkt neben dem gewählten Übernachtungsort schmückt eine kaputte Sonnenbank den Asphalt, auf der hübsch drapiert einige Packungen Salami ihr Dasein fristen. Man weiß natürlich nicht, wie lange die da schon liegen, weshalb Die Dölzschner den kostenlosen Lebensmitteln mit einer nicht ungerechtfertigten Skepsis begegnen und sich in Sache Abendessen lieber auf selbstgekaufte Fressalien konzentrieren.

Samstag ist Waschtag. Es ist zwar nicht Samstag aber die Waschung ist dafür umso dringender. Der folgende Ritt auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit nimmt wieder mal mehr Zeit in Anspruch als den drei Dreckspatzen (wahlweise auch “Matschreiher” oder “Schmuddelhabichte”) lieb ist, doch das Ende ist abzusehen als die DüDo auf dem Gelände einer Badeanstalt einrollt. An der Kasse kommt es allerdings schon zu Komplikationen. Die Badebekleidung scheint dem Kassenwart nicht angemessen. Shorts sind nicht erlaubt und auch um Kopfbedeckung wird gebeten.

“Was will der? Wir sind dor hier ni beim Präsidentenempfang, wir wolln einfach nur duschn.”

“Der will, dass wir so n Badeschlüppi und n Gummihelm anziehn”

“Aber Neoprenanzug und Seepferdchen-Abzeichen sind ni gefordert oder? Man man man ...”

Mit rollenden Augen ziehen die drei immer noch muffigen und mittlerweile auch muffligen Bademeister von dannen. Glücklicherweise findet sich an anderer Stelle die Möglichkeit zur Reinigung und wenn man schon mal frisch geschrubbt durch die französische Landschaft hüpft, könnte man auch gleich den lädierten Bus auf Vordermann bringen, sodass erneut der nächstgelegene Mercedes-Teilehändler aufgesucht und um ein neues Scheinwerferglas angebettelt wird. Die Sprachbarriere verzögert den Bestellvorgang wieder um einige unnötig aufgewendete Minuten, doch am Ende ist eine brandneue Beleuchtungsverkleidung auf dem Weg nach Marseille.

So ... Dusche? – Check! Scheinwerfer? – Check! Klamotten? – Stehen von selbst! Ein Waschsalon wird also ebenfalls noch aufgesucht, bis sich der Tag dem Ende neigt und die DüDö zur Nachtrast auf einer von Steinen begrenzten Sackgasse abgestellt wird.

Ein neuer Tag, ein neuer Auftritt an der Uferpromenade. Die Kasse klingelt und ein Herr macht Die Dölzschner auf sein Kunstprojekt aufmerksam, das in Form einer überdimensionalen Mülltonne auf der Straße zu sehen ist und doch bitte am Abend von den Döllis bespielt werden möge. Das passt nicht schlecht, denn kurze Zeit später kommen Ordnungshüter auf Segways angerollt, was ein ziemlich amüsantes Bild bietet. Nach Amüsement ist den Uniformierten auf ihren elektrischen Gehhilfen aber gar nicht zu Mute, denn da stehen mal wieder drei unlizenzierte Geräuschakrobaten auf der Promenade, welche es zu verwarnen und wegzuschicken gilt, weshalb das Instrumentarium auch kurz darauf wieder säuberlich sortiert im grün-weißen Partybus verschwindet.

Das Abendprogramm steht angesichts der Einladung zum Marseiller Kunstprojekt natürlich schon fest und trotz der niedrigen Temperaturen, die das Spielen erschweren, steht man nach Sonnenuntergang neben einer überlebensgroßen, umgekippten Mülltonne in einer Gasse und bespielt alle anwesenden Kunstinteressierten. Es gibt Glühwein, Bares, Applaus und einen warmen Händedruck seitens des Veranstalters.

Dazu sei noch erwähnt, dass Marseille 2013 zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde und somit keine schlechte Grundlage für künstlerische Betätigungen jeglicher Art bietet. Ein Künstler kommt bekanntlich selten allein, sodass sich unter den Anwesenden auch ein Kollege des Mülltonnen-Aufstellers befindet, der die Döllis spontan zur Abschlussveranstaltung einer Kunstreihe ins „J1“ (eine große, umfunktionierte Werft) einlädt und ebenfalls Cash und Verköstigung verspricht.

„Kohle und Freibier? Is ja wie Ostern und Weihnachten zusamm´.“

Ganz recht, auch dieses Angebot wird dankbar angenommen und der Eingangsbereich der Partylocation am Abend des Folgetages bespielt. Die Leute sind sich einig: Das was hier draußen musiziert wird ist besser als das, was drinnen auf der Bühne stattfindet. Man solle doch bitte auf der großen Bühne spielen. Ein ehrliches und großes Lob, dass den Dölzschnern schmeichelt und sie ein bisschen rot werden lässt ... oder liegt das am Bier? Zumindest ist es ein lustiger Abend mit toller Stimmung und eine Tiefschlaf versprechende Nacht.

Dementsprechend spät wird der nächste angegangen, was in diesem Fall jedoch keinen stört (außer vllt ein paar mysteriöse telefonierende Franzosen, die morgens um den Bus schleichen und man die Wortfetzen „Parking“ und „Mercedes“ zu hören bekommt), da lediglich ein Ausflug zur „Notre Dame“ angedacht und ausgeführt wird.

„Hübsch hübsch ... hübsch hier, ja ...“
„Klasse Ausblick, hhhmm ...“

Das fasst es im Wesentlichen auch zusammen und die Döllis reiten mit dem nächsten Ziel vor Augen in den Sonnenuntergang.

Die Dölzschner sind drei Musiker aus Dresden-Dölzschen, die seit dem Jahr 2011 miteinander musizieren. Die Basis der selbst geschriebenen Musik (HT-Phon-Sound) ist das HT-Phon – ein von Ludi selbstgebautes Instrument aus Abflussrohren.

Das neue Album „Volles Rohr“ (© 2014) ist jetzt erhältlich!