21.-28.09.13 Ruhrpott

Wieder Deutschen Boden unter den Füßen zu haben ist ein gutes Gefühl. Die Dölzschner stehen jedoch trotz der bereits ansehnlichen Zahl besuchter Städte erst am Anfang ihrer Reise, weshalb der Aufenthalt in der Heimat nur von kurzer Dauer sein soll. Das Wesel´ner Industriegebiet bietet Zuflucht für die Nacht und erlaubt eine Verschnaufpause, bevor man am Tag darauf die nächste Etappe - Wesel-Recklinghausen - in Angriff nimmt. Diese hält mal wieder einige unschöne Überraschungen bereit: Fast schon am Ziel beginnt die Düsseldölle unheilvoll zu stottern und rollt am Straßenrand aus. Hierzu später mehr.

Endlich in Recklinghausen angekommen, werden einige „Dreckwäschebeutel“ in einem örtlichen Waschsalon der Tiefenreinigung unterzogen. Die Wartezeit wird mit dem Besuch des nächsten Kebap-Hauses und zugehörigem DDR (Dölzschner-Döner-Rating) überbrückt. Doch auch dieser kann wegen des zu hohen Salzgehalts der Soßen das hartgesottene Dönertestkommando nicht vollends überzeugen. Immerhin gesättigt stopfen die drei Restaurantkritiker ihre mittlerweile gewaschene und getrocknete Kleidung nach einem kurzen Fußmarsch zurück zur Wäscherei in die speziell dafür vorgesehenen Textilauffangbehältnisse (bestehend aus Tüten unterschiedlicher Supermärkte). Mit selbigen im Schlepptau geht es dann auf Schlafplatzsuche, welche auf dem etwas ausserhalb gelegenen Parkplatz des Recklinghausener Schützenvereins ihr Ende findet. Feierabend.

Auf nach Dortmund (also zumindest in die Nähe davon)! Dort soll - wie bereits angekündigt - einer der wenigen geplanten Auftritte stattfinden. Christian hat nämlich Geburtstag. Wer ist Christian? Christian ist der Freund von Ramona und diese hat Die Dölzschner zu einer (vorgeburtstäglichen) Überraschungsfeier für Christian nach Holzwickede eingeladen, nachdem die beiden bereits auf den Straßen Berlins ihr Interesse am HT-Phon-Sound entdeckt haben. Solche Gelegenheiten nimmt man natürlich gerne wahr, besonders wenn es eine Gage gibt (und die gibt's). Allerdings rückt diese schnell in den Hintergrund, denn die Dresdner Jungs werden in Holzwickede herzlichst begrüßt und spätestens bei der Ankunft Christians (mit Augenbinde) und dem anschließenden Konzert in der Garage seines Elternhauses ist klar, die Überraschung ist gelungen. Ramona ist erleichtert und ihr Freund strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Und nicht nur das, Die Dölzschner werden von allen Partygästen wie alte Freunde behandelt und direkt im Anschluss an die musikalische Einlage zum Mitfeiern dabehalten. Bratwurst und Freibier inklusive. Nach einem abendlichen Garagen-Jam, bei dem auch einige der anderen Gäste ihr instrumentales Können beweisen, zieht der jüngere Teil der Partygemeinde weiter in Christians Wohnung, wo noch bis in die Morgenstunden, bei guter Laune und fröhlichem Bräukonsum gefeiert wird.

Holzwickede liegt, wie zuvor erwähnt, unweit von Dortmund, sodass die Innenstadt bald auch unter den Klängen von HT-Phon, Gitarren, Klarinette und Schlagzeug liegt. Ramona und Christian schauen auch nochmal vorbei und werden zum abendlichen „Bus-Chillen“ eingeladen. An diesem trifft man sich kurze Zeit später und genießt - von den beiden Eingeladenen mitgebrachten - Kaffee und Salat. So umsorgt wurden Die Dölzschner lange nicht mehr. Vielen Dank! Einige Zeit geht ins Land und am Ende des Tages sind alle satt, zufrieden und um einige äußerst positive Eindrücke reicher.

Das gute Feedback bestärkt das Vorhaben, am folgenden Tag nochmals auf Dortmunds Straßen zu musizieren. Alles läuft planmäßig, bis sich das Ordnungsamt nach erstaunlich kurzer Spielzeit vor den Dölzschnern aufbaut und eine Verwarnung ausspricht. Mist. Somit ist auch die Musik für Dortmund gegessen. Nach einer weiteren Nacht auf dem Campingplatz vor einem Hotel, der während des Aufenthalts in und um Dortmund als Parkplatz diente (und darüber hinaus eine Dusche zur Verfügung stellte), schaut sich Ludi erneut die Düsseldölle von unten an.

Viele werden sicherlich denken, „Lief doch alles ganz gut bis jetzt.“ Falsch! Hierzu die Episode „Die Leiden der 39 Jahre jungen Düsseldölle“, welche einen Einblick in die weniger guten Tage des geliebten und teilweise verfluchten Gefährts der Dölzschner, aus der Sicht des Hobbymechanikers Ludi, gibt.

 

Die Leiden der 39 Jahre jungen Düsseldölle

Ich fahre auf der Landstraße mit gemütlicher Reise-Höchstgeschwindigkeit von 80 Km/h, als plötzlich der Motor stottert und kurz darauf spontan seinen Dienst verweigert. Es folgt eine kurze Konfusion meiner Sinne bis ich alles darauf setze, dem uns nachfolgenden LKW aus der Schussbahn zu weichen in dem ich auf der linken Seite in eine Baustelleneinfahrt steuere und dort die schon erheblich verlangsamte Düsseldölle zum Stehen bringe. Warnblinker, Handbremse, Scheiße. So hätte ich mir die Ankunft im Ruhrpott nicht vorgestellt, aber es macht ihn mir auch nicht gerade sympathischer. Was soll´s: Motorhaube auf, die vermeintlich verdächtigen Stellen "abtasten", immer wieder "Scheiße" denken und letztendlich doch bloß wie die Kuh ins Uhrwerk schauen.
"Will er nicht mehr?", ruft es mir über die Schulter, und ein netter, über 80-jähriger, vitaler Herr kommt auf uns zu. Kurz darauf hört man ihn über den Motor unserer Düsseldölle gebeugt sagen, er kenne diese Motoren in- und auswendig denn er hätte sein ganzes Leben lang solche gefahren. Durch ihn löst sich kurz darauf auch das Rätsel der Spülmittelflasche, welche an unsere Einspritzpumpe per Kabelbinder "angeflanscht" ist. (Dieses konnte uns bisher keiner der "Profis" entschlüsseln, welche wir zwangsläufig besuchen mussten.) Auch hier ist, seiner Meinung nach der Fehler zu suchen. Ein Schlauch wird gekürzt, die Flasche etwas nach unten gerückt, die Dieselanlage entlüftet und auch ein paar zusätzliche Tipps kann ich dem Retter in der Not noch entlocken. Als der Motor wieder schnurrt, begeben wir uns wieder auf Startposition und können unser Glück kaum fassen. Da bleiben wir einmal liegen, an einer unmöglichen Stelle und es kommt keine zwei Minuten später ein Profi um die Ecke, welcher uns mit ein paar Handgriffen wieder startklar macht. Und das nun schon zum zweiten Mal (wie in Weesp, Holland).
Unsere Reise steht unter einem guten Stern, denken wir. Jedoch bleiben wir einige Kilometer später wieder liegen. Die üblichen Gedanken spielen sich in meinem Kopf ab, ich erspare sie euch hier. Doch was hatte der nette Herr gesagt? Aha, etwas Öl in die Einspritzpumpe – und schon läuft er wieder. Also, weiter geht´s!
Bis zum nächsten Morgen soll sich nun der Schein der vermeintlichen Lösung des Problems aufrechterhalten, jedoch bleibt ein (begründet) ungutes Gefühl zurück. Am folgenden Tag bleiben wir wieder mehrmals stehen. Ich entlüfte mal hier, mal dort, wir holen Diesel mit dem Kanister, weil auch dieser zwischendurch mal alle ist und ich entschließe mich, einen neuen Dieselvorfilter zu verbauen. Der Laptopakku reicht gerade noch um einen Ersatzteilehändler zu finden und dieser kann mir auch zum Glück weiter helfen. (Selbst wenn unser uralter Bus heutzutage gar nicht mehr in den digitalen Verzeichnissen auftaucht.)
Mit Vorfreude verbaue ich den Filter, alles scheint zu passen, (gefühlte zwei Kilogramm Rostpartikel befinden sich im alten Filter) doch bald darauf sollen wir wieder stehen bleiben. Diesmal mitten auf der Straße – welch unschöne Situation, die uns aber nach den Ereignissen der letzten Tage nicht allzu nervös werden lässt. Selbst mit vereinten Kräften gelingt es uns nicht, unseren Viertonner in eine leicht ansteigende Einfahrt zu schieben, doch zum Glück bezwingt unsere Düsseldölle diese paar Meter dann doch noch aus eigener Kraft. So weit, so gut. Nun stehen wir in einem Recklinghausener Hinterhof und sind etwas verzweifelt. Doch zum Glück haben wir noch einen neuen Dieselhauptfilter an Bord. So wird jetzt auch dieser mit vereinten Kräften gewechselt (und auch er ist so voll mit Dreck und Rost, dass man sich wundert, dass unser Tank überhaupt noch aus Materie besteht). Nun, auf zu neuen Horizonten, das sollte es doch nun wirklich gewesen sein!


Aus Angst, wir könnten mit unserem Bus zu spät zu dem Auftritt in Holzwickede kommen, fahren wir noch am Vortag los, was sich als fatale "Stop and go"-Fahrt heraus stellt: eine Viertelstunde Fahrt zieht jeweils eine Viertelstunde warten, verzweifeltes Basteln und Orgeln des Anlassers nach sich. Auch brauchen wir umso länger, da wir uns nicht mehr auf die Schnellstraßen des Ruhrpotts trauen und von Dorf zu Dorf tingeln. (Denn mitten in der Kurve eines Autobahnkreuzes im Ruhrpott stehen zu bleiben war nicht so der Hit!)
An einer Tankstelle, an der wir zufällig stehen bleiben, treffen wir einen ADAC-Mann, welcher gleich mal spontan in einen Einsatz verwickelt wird. Und so rückt er mit Hilfsbereitschaft, Starterspray und Schraubenschlüsseln unserem Motor zu Leibe. Leider kann auch er unserem Problem keine Abhilfe schaffen, wie wir später bemerken, da er sich wohl eher mit jüngeren Baujahren auskennt. Was soll´s, wir kommen trotzdem irgendwann in der Nacht an einem See in der Nähe unseres Auftrittsortes an und ich beschließe am nächsten Morgen ein paar Stunden unter dem Bus zu verbringen. Dafür wird sogar mal der selten im Einsatz befindliche Wecker aus den Tiefen hervor geholt.
Als ich mein Müsli bei schönstem Wetter in den Motorraum stelle und mir einige Gedanken mache, wie ich diese verflixte Karre wieder zum Laufen bringe, liegen Schlät und Krieger noch im Tiefschlaf auf der Werkzeugklappe und ich bin zum Fachsimpeln mit mir selbst verurteilt.

Irgendwann schmeiße ich die beiden dann doch raus um ans Werkzeug zu kommen. Ich veranstalte alles von A bis Z was mir einfällt und logisch erscheint ... danach läuft er auch erstmal und wir kommen pünktlich zum Auftritt. Ich denke schon wieder, es geschafft zu haben und bin ein bisschen stolz. Jedoch, zu früh gefreut!
Nachdem wir wieder ein paar Mal stehen geblieben sind, starte ich in Dortmund übers Internet einen Hilferuf im "Busfreaksforum" und belese mich ein bisschen zum Thema "Dieselanlage". (Und ich dachte schon, mein zweites Hobby auf dieser Reise vermissen zu müssen, jedoch fahren wir ja nicht umsonst mit einem Oldtimer rum, was ja auch auf meinem Mist gewachsen ist.)
Also begebe ich mich am nächsten Morgen wieder mal direkt aus dem Bett auf die Isomatte unter den Bus. Hier sollte sich der Übeltäter nun endlich zeigen: ein dritter, versteckter Dieselfilter! Dieser ist so verstopft, dass ich mich nun ernsthaft wundere, mit welchem erstaunlichen Überlebenswillen sich dieser Bus die letzten Tage überhaupt noch einen Meter fortbewegt hat. Nach dem auch dieser (nun hoffentlich letzte) Dieselfilter von seiner Last befreit ist, wird mir von den Bandkollegen die "Busreparaturmedaille für besondere Verdienste, zu Gunsten der Gemeinschaft" in Silber verliehen und die Reise des grünen Wanderzirkus kann getrost weiter gehen.

 

Nachdem nun alle Filter gesäubert bzw. gewechselt sind, wird ohne größere Probleme Wuppertal erreicht. Die dortige Straßenmusik zieht zum ersten Mal die Beschwerde der Mitarbeiterin eines umliegenden Ladens auf sich, da diese sich angesichts der Lautstärke nicht mehr in der Lage fühlt Kundegespräche zu führen. Nun gut, dafür hat man Verständnis. Es folgt also wieder ein kleiner Umzug - der sich aber lohnt - da der gegenüberliegende Tchibo-Shop den Dölzschnern Aufmunterungs-Kaffee herausbringt. Nach der Ankündigung des letzten Titels, „Butterflywalk“ regt sich Gekicher bei einigen anwesenden Kindern. Darauf angesprochen, ob sie denn wüssten, was „Butterfly“ bedeutet antworten sie einstimmig, dass es sich dabei um ein Klappmesser handele. Aha. So wird aus dem „Butterflywalk“ der „Klappmesser Blues“.
Aus Angst, man könne die kriminelle Energie der Wuppertaler Kinder mit Liedern über Schlag- Hieb- oder Stichwaffen fördern (und um die Dachklappe zu reparieren) wird nach der nächsten Übernachtung (vor dem Probengebäude des Wuppertaler Sinfonieorchesters) ein Ruhetag ausgerufen. Mit einer waghalsigen Konstruktion die ein Seil, den Dachgepäckträger und einen darüber liegenden Ast beinhaltet, wird die Klappe freigelegt. Der Dachöffnung, unter der nach Regenschauern gerne mal ein nicht zu übersehender Wasserfleck den Teppich verziert, wird mit einigen Lagen Bitumenband zu Leibe gerückt. „Mal sehn ob's hält.“ Die Nacht bleibt trocken.

Ein letztes Mal werden die Instrumente in die Wuppertaler Gassen geschafft. Noch bevor das Spiel beginnt werden Die Dölzschner jedoch um einen Platzwechsel gebeten, da sich ein Zahnarzt-OP in Hörweite befindet. Also wieder umziehen. Eine Seitenstraße weiter findet niemand Anstoß an der Musik. Die Ladenbesitzer kommen gut gelaunt aus ihren Geschäften und selbst die Büromitarbeiter lauschen interessiert an ihren Fenstern. Doch wie es schon so manches Mal der Fall war, klopft das Ordnungsamt pünktlich nach dem letzten Titel an der nicht vorhandenen Tür und weist auf eine Anwohnerbeschwerde hin. Ob der Jugendschutz seine Finger im Spiel hatte bleibt ungeklärt – und unwahrscheinlich. Was soll’s, der Block ist sowieso vorbei, weswegen man sich getrost der Abendplanung widmen kann. Der Begriff „Abendplanung“ beinhaltet zwar das Wort „Planung“, von einer solchen kann aber nur in den wenigsten Fällen die Rede sein. Das ist zum größten Teil der Tatsache geschuldet, dass man nur selten weiß was wie wo wann abends stattfindet. Gegebenenfalls kann man sich auf die Aussagen anderer Gleichaltriger stützen, welche man im Gespräch über deren Abendplanung aufgeschnappt hat. Meistens endet der Partyfeldzug allerdings in einer Kneipe, die Bier zu erschwinglichen Preisen anbietet. Immerhin. Ein bisschen besser trifft es sich an diesem Abend aber doch, denn im Pino’s ist Cocktail-Happy-Hour und Janina, die Bedienung, wirkt auch sehr sympathisch. Sechs XXL-Cocktails später ist es Zeit, die schwankenden Glieder zu Betten.

Die Dölzschner are three musicians from Dresden-Dölzschen (Germany) making music together since 2011. The basis of the self-written music (HT- Phon sound) is the „HT-Phon“ – an homemade instrument that Ludi build from water pipes.

The new album „Volles Rohr“ (© 2014) is now available!