Genova 30.10.-03.11.2013

Was denkt sich ein Polizist, der nachts gegen eins einen nicht gerade leisen, grünen und mit allerhand Aufdrucken versehenen Bus durch sein Viertel holpern sieht? "Da ist doch was faul! Den knöpf' ich mir vor." So geschehen in Genova, wo die Düsseldölle kurz nach einem Kreisverkehr durch Blaulicht zum Stehen gebracht wird. Natürlich wird sie nicht durch das Blaulicht zum Stehen gebracht, sondern durch den von Mitglied Schlät eingeleiteten Bremsvorgang, welcher jedoch als direkte Reaktion auf das farbige Leuchten im Rückspiegel gedeutet werden kann. Die Erfahrung zeigt, dass viele Polizisten ungehalten Reagieren, wenn man auf ihre Signale hin mit Vollgas von dannen zieht und versucht außer Sichtweite zu gelangen. Abgesehen davon, dass dies mit der Düsseldölle eine von Grund auf unsinnige Idee wäre, würden Die Dölzschner so etwas selbstverständlich nie versuchen, denn sie haben ja nichts zu verbergen. Wie auch immer ... der Polizist schleicht gemächlichen Schrittes zur Vorderseite des gestoppten Gefährts, wo ihn statt der erwarteten Ganoven zwei dümmlich lächelnde Halbstarke aus der Fahrerkabine heraus anstarren und inspiziert skeptisch den Bereich hinter der Windschutzscheibe. Ein Dutzend Sonnenbrillen, zig Feuerzeuge, Karten, ne Menge Akkus, Strandgut, Stifte, ein wenig Müll, Bücher und natürlich Ronny Emanuel, der sich schon sehnsüchtig auf einen Untersetzer freut. Noch bevor er etwas sagen kann, öffnet Schlät das Fahrerfenster und ergreift vom Fahrersitz aus das Wort und fragt, wo es denn zum Strand geht. Der Uniformierte stutzt kurz und man sieht ihm an, dass er nicht so recht weiß, was er angesichts der Uhrzeit mit dieser Frage anfangen soll. Letztendlich deutet er in eine Richtung und gibt in knappen (Italienischen) Sätzen Fahrtanweisungen.

„Wenig“ später stoßen die drei vor Freude auf das Mittelmeer schon ganz nervösen Herren tatsächlich auf das Wasser. Einstimmig wird entschieden, dass der Schlafplatz rechts (westlich) gesucht wird. Diese Entscheidung ist, milde ausgedrückt, eher suboptimal, denn zum einen schlängeln sich die Döllis durch ein mit Containern vollgestelltes Hafengebiet und zum anderen ist ein Security-Mann (sichtlich beunruhigt) mit der Hand am Holster seines Revolvers im Rückspiegel zu sehen. Das war dann wohl nichts ... Also doch in die andere Richtung. Die Düsseldölle tuckert Kilometer für Kilometer die kurvige Küstenstraße entlang, doch ein gemütlicher Platz am Strand will sich ihr nicht offenbaren, weswegen eine Seitengasse als Nächtigungsquartier herhalten muss. Was soll´s, die nächsten 1500 Kilometer soll es am Meer entlang gehen.

Mitglied Krieger verbringt die Nacht auf dem Dachgepäckträger und kommt zu der Erkenntnis, dass sein Schlafsack dem einsetzenden Regen nicht standhalten kann. Deshalb steht er in den frühen Morgenstunden mit seiner durchtränkten Decke leise winselnd auf der Matte und bittet um Einlass. Er wird ihm gewährt.

Frisch wie ein Rehkitz machen sich Stephan, Schlät und der begossene Pudel einige Stunden später an ihr Tageswerk. Lebensmitteleinkauf, Frischwasser und ein Bad im Mittelmeer stehen auf der Agenda. Das Meer ist nicht allzu schwer zu finden, da es quasi die ganze Zeit in Sichtweite war. Der Himmel hat aber leider schon wieder die Gardinen zu gemacht und auch das Wasser ist ... nunja ... arschkalt.

Danach ist der Tag auch fast schon wieder vorbei und nachdem man im Supermarkt noch ein paar stärkende Zutaten für das anstehende Abendmahl erworben, und selbige noch auf dem Parkplatz zubereitet und verspeist hat, trudelt man an einer Stelle an der Uferpromenade ein, die angenehmerweise auch einen Parkplatz bietet. Es folgt der Tagesausklang mit einem Bierchen und Wellenrauschen zu Fuße eines verschlafenen Bergdorfes.

Der erste Ausflug ins Zentrum Genovas ist eine wahre Freude ... nicht. Die Verkehrsdichte ist enorm hoch und an freie Parkplätze ist nicht zu denken. Man nutzt die Zwangspause um sich die Stadt von einem erhöhten Punkt aus zu Gemüte zu führen und etwas vor der Kamera rumzublödeln.

Kurz aufgeatmet und man stürzt sich erneut ins Getümmel. Da allen mittlerweile der Magen knurrt beginnt Krieger auf Anweisung der Fahrerkabinen-Insassen in der Küchenzeile Trockenfleisch zu schneiden ... bei voller Fahrt. In einer schwungvollen Rechtskurve rammt er aufgrund der erhöhten Fliehkraft das Messer in die daneben stehende Dose Schuhdeo (ja, das gibt’s wirklich). Es ertönt ein zischen und jeder, der schonmal eine Flasche Deo in einem geschlossen Fahrzeug angestochen hat weiß, dass sich der sonst normalerweise zur sparsamen Anwendung genutzte Duft mit einer brachialen Intensität im Raum ausbreitet. Eine Sekunde braucht Mitglied Krieger um zu realisieren, was gerade geschehen ist, dann reißt er das Küchenfenster auf und hält die Dose nach draußen, was zur Folge hat, dass die Düsseldölle eine hübsche Deo-Dampf-Wolke hinter sich her zieht. Ein positiver Aspekt ist aber hervorzuheben: Die Döllis mitsamt ihrer DüDö rollen direkt nach Kriegers Gasanschlag auf einem zentrumsnahen Parkplatz ein. Auch hier sind die Preise saftig aber man zählt darauf, dass die Einwohner und Besucher Genovas für die entstehenden Kosten aufkommen.

Ihr Glück versuchen die drei Geruchsbetäubten vorerst in einer Seitengasse unterhalb des historischen Zentrums. Das funktioniert ganz gut. Eine hilfsbereite Italienerin gibt ihnen aber zu bedenken, dass auf der „Via San Lorenzo“ wahrscheinlich deutlich mehr Fußvolk zugegen ist und somit auch mehr Profit winkt. Selbstverständlich liegt Profitgier den Dölzschnern fern, aber wenn sich die Möglichkeit bietet mehr Leute auf einmal zu beglücken, warum sollte man es dann nicht versuchen. Reinschnuppern lohnt sich. Die Via San Lorenzo ist gut besucht, aber auch die Carabineri sind überall in Sicht- und vor allem Hörweite. Das wird sicherlich wieder ein gar kurzes Spektakel.

Die letzten Töne des ersten Blocks verhallen in den Gassen, die Zuschauer sind begeistert und von den Ordnungshütern hat sich noch keiner aus der Nähe blicken lassen. Dann gleich den zweiten Block hinterher. Nach etwa 10 Minuten schiebt sich ein Einsatzwagen die Straße entlang. Lässig lässt der fahrzeugführende Polizist seinen Ellenbogen aus dem Fenster hängen und stoppt das Fahrzeug auf Höhe der Musikanten. Kurz halten die Dölzschner die Luft an (im übertragenen Sinne, da Mitglied Schlät beim tatsächlichen Luft-anhalten nur ganz schwer Klarinette spielen kann). Doch die Carabinieri scheinen andere Sorgen zu haben, denn sie warten lediglich bis sich die Menschentraube um das Trio gelöst hat und den weiteren Weg freigibt. So wird munter weitergespielt bis sich der Tag ´gen Ende neigt und die Döllis feststellen, dass eine bemerkenswerte Anzahl absurd gekleideter Gestalten die Straßen bevölkert.

⁃ „Warum sehndn die alle so scheiße aus? Is bei den Fasching oder was?“
⁃ „Keine Ahnung, welcher isn heute?“
⁃ „31. Oktober“
⁃ „Ach heut is Halloween!“
⁃ „Ahhhhh“

Da dürfen Die Dölzschner natürlich nicht fehlen. Die Instrumente werden fachgerecht in der DüDö untergebracht und dann geht’s ans verkleiden.

⁃ „Was ham wirn da?“
⁃ „Genug für heute Abend.“
⁃ „Nee ich red nich vom Bier, sondern von Verkleidung.“
⁃ „Hmmm … Mützen, neongelb“
⁃ „Na dann gehn wir heute eben als biertrinkende Band mit neongelben Mützen“
⁃ „Jawoll, Ein Hoch auf die Kreativität!“

Fünf Minuten später befinden sich die drei Verkleidungsspezialisten an dem Ort, den sie zuvor bereits für ihre Auftrittszwecke genutzt hatten und schieben sich zwischen, Hexen, Orks und anderen nicht genau definierbar gekleideten Figuren hindurch. Eins haben die versammelten Wesen der Unterwelt anscheinend gemeinsam: Sie mögen Bier. In rauen Mengen. Selbiges wird in Plastikbechern verkauft, denn die Trinkverordnung sieht vor, dass keine Flaschen oder Dosen auf die Genovaer Straßen gelangen. Durchaus sinnvoll. Man kann zwar kaum treten aber die Stimmung ist heiter und beschwingt. Nach einem eindrucksreichen Abend zieht man sich wieder in einen westlich von Genova gelegenen Ort zurück.

Voller Optimismus begibt man sich in den Mittagsstunden des Folgetages wieder auf den Weg ins Zentrum von Genova, baut sich vor der Kirche am oberen Ende der Via San Lorenzo auf und hofft abermals auf Duldung seitens der Sicherheitskräfte. Auch diesmal fühlen sich die Herren in Blau nicht belästigt und jeder gespielte Block bringt neue Bekanntschaften mit sich. Zum Beispiel Paul und Erin, ein junges Pärchen aus den USA, die spontan zustimmen, am Abend ein Bierchen mit den Dresdner Jungens zu schlürfen. Des Weiteren lauscht die Tochter eines Ägyptischen Ex-Schauspielers und Journalisten und fragt an, ob sie und ihr Vater einige Fernsehaufnahmen von einem Auftritt der Dölzschner machen dürfen. Die Antwort fällt nicht schwer ;-)

Da treten die Carabineri auf den Plan … allerdings nicht, weil man wieder mal gegen bestehende Verordnungen verstoßen hat, sondern nur, weil in der Kirche, vor der das Instrumentarium aufgebaut ist, der Gottesdienst beginnen soll und die drei Krawallbrüder dem Kantor sonst mit Schmackes ins Orgelsolo scheppern. Warum dieser das Dreiergespann nicht persönlich bitten kann, den Ort zu wechseln sondern erst die Policia Local informieren und mobilisieren muss, unklar, aber das ist alles kein Problem, denn Die Dölzschner wechseln bekanntlich liebend gern ihren Platz.

Einige Meter weiter wartet sowieso noch ein einladender Ort, der Piazza de Ferrari, und mit ihm das Fernsehteam (bestehend aus dem Ägyptischen Journalisten und seiner Tochter). Die Sonne ist schon längst untergegangen und Straßenmusiker, die mit professioneller Kamera und Licht gefilmt werden, scheinen bei Touristen erhöhtes Interesse zu wecken, denn noch bevor die Dölzschner mit dem Spiel begonnen haben sind sie von einer Anzahl (die sogar den Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart übertreffen könnte) selbiger umstellt.

Die Menge wartet gespannt. Dann beginnt die Show ... Qualitativ nicht unbedingt hochwertiger als andere aber dafür mit echter Gänsehautstimmung und die Menschen sind begeistert. Was für ein grandioser Auftritt! Ein kleines Interview vor laufender Kamera schließt sich an, aber man hat ja mittlerweile Erfahrung. Auch beim Abbau des Equipments ist man noch vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen und verabredet sich für eine Stunde später am gleichen Ort mit dem Ägyptischen Herrn und seiner aufreizenden Tochter zum Abendbierchen. Paul und Erin stoßen wie abgemacht dazu und man lässt sich ganz international auf der Außenbestuhlung eines beschaulichen italienischen Cafés nieder und genießt diese wunderbare Zusammenkunft verschiedener Kulturen.

Und es wird noch besser, denn zu dieser Gruppe gesellt sich auch noch eine Italienerin mitsamt ihrem Mann und Jack aus Australien. Die Freude, die Harmonie und das zwanglose Beisammensein machen diesen Abend zweifelsohne zu einem Unvergesslichen für alle Beteiligten. Lange sitzt man beieinander, redet, lacht und zu späterer Stunde wird sogar nochmals die Kamera ausgepackt um die fantastischen Momente zu dokumentieren. Der Ägypter (dessen Name leider allen drei Süddresdnern entfallen ist) reist nämlich durch 16 Länder (davon acht in Europa), um die guten Seiten der Menschheit festzuhalten. Im Gegensatz zu Nachrichten, in denen von Katastrophen, Gewalt und Rassismus berichtet wird, sieht man hier verschiedenste Nationalitäten, die vorurteilsfrei beisammen sitzen, sich bestens verstehen und Teile ihrer Kultur zum Besten bringen. Und nun sind auch Die Dölzschner ein Teil dieses Projektes. So auch ein Inder (aus der Kategorie „Wolle Rose kaufe?“), dem die Möglichkeit gegeben wird, alle Anwesenden mit einem Ständchen zu erfreuen. Nach der ersten Strophe (für Papa) haben alle genug. Außer dem Inder selbst, der emotionsvoll drei weitere nicht enden wollende Strophen (für Mama, Schwester, und wahrscheinlich die Großtante dritten Grades) a capella vorträgt.

Irgendwann ist es an der Zeit, dass sich Ägypten, die USA, Australien, Indien, Italien und Deutschland Lebewohl sagen und man sich mit bleibenden Impressionen in sein jeweiliges Schlafgemach zurückzieht.

 Erstmal kräftig ausschlafen. Das Wetter bietet ein ernüchterndes Bild. Ein ausnüchterndes wäre hilfreicher. Nieselregen und bedeckter Himmel passen in etwa zu dem, was sich in den Köpfen der drei Multikulturisten abspielt. An Straßenmusik ist nicht zu denken, weshalb man sich aufmacht, das an den Vortagen eingespielte Kleingeld in Großgeld und das Großgeld in Scheine zu wechseln und nach ein paar neuen Kleidungsstücken Ausschau zu halten. Das mit dem Kleingeld klappt, das mit den Klamotten nicht. Hmmm ... da bleiben? Weiter fahren?

Weiter fahren! Und da die Autobatterie angesichts der vielen Anstrengungen in den letzten Wochen gerne mal üble Gerüche von sich gibt und unheilvoll vor sich hin blubbert wird in Savona gleich mal eine neue eingesackt. Next stop: San Remo.

Die Dölzschner are three musicians from Dresden-Dölzschen (Germany) making music together since 2011. The basis of the self-written music (HT- Phon sound) is the „HT-Phon“ – an homemade instrument that Ludi build from water pipes.

The new album „Volles Rohr“ (© 2014) is now available!